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Zukunftsmusik am Gymnasium Vegesack schon heute? (Gast)

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Geht es weiter mit der Zukunftsmusik am Gymnasium Vegesack oder ist nach den Sommerferien 2019 Schluss damit? Diese Entscheidung werden Lehrer, Schüler und Eltern in Kürze treffen müssen. Weil es die Vereinbarung, die vor etwa drei Jahren getroffen wurde, so will.

Nochmal von vorne: Es muss im Jahr 2016 begonnen haben, als besagte Lehrer, Schüler und Eltern sich darauf verständigten, im Bremer Norden mit der Dalton-Pädagogik zu beginnen. Ein Prozess, der nun, drei Jahre später überprüft wird, um dann eine vorerst endgültige Entscheidung zu treffen.

Die Dalton-Pädagogik ist in Deutschland unter anderem durch das Gymnasium Alsdorf bekannt geworden, jene Schule, die im Jahr 2013 den von der Robert-Bosch-Stiftung vergebenen „Deutschen Schulpreis“ gewann und sich bereits Jahre zuvor zur Dalton Pädagogik bekannte und sie offenbar sehr erfolgreich umsetzte.

Die Dalton-Pädagogik aber ist tatsächlich viel älter. Bereits im Jahr 1917 war es Helen Parkhurst, die in der Stadt Dalton in Massachusetts das pädagogische Konzept erfand und damals erstmalig umsetzte. Ziel der Dalton-Pädagogik ist es, Schülern das selbständige Lernen zu vermitteln.

Helen Parkhurst gründet ihr Konzept auf drei grundsätzlichen Säulen:
• Freedom – Schüler gestalten ihren Lernprozess frei (Lediglich Leistungskontrollen am Ende einer Unterrichtssequenz finden statt)
• Cooperation – Schüler haben die Möglichkeit in Lerngruppen zu arbeiten (jedoch trifft der Schüler selber die Entscheidung ob er das auch nutzt oder lieber alleine lernt)
• Budgeting Time – Schüler steuern den Lernprozess weitestgehend selber. Lediglich Lernstoff und Lernziel werden vorgegeben

Zurück zur „Vegesacker“-Variante der Dalton-Pädagogik. In der Praxis hat sich einiges gegenüber dem klassischen Frontalunterricht geändert. Der Stundenplan hat eigene Zeiten mit unterschiedlich langen Unterrichtseinheiten. Das ist der Dalton-Variante geschuldet, für die man sich im Bremer Norden entschieden hat. So wird Dalton-Pädagogik in einer hybriden Form umgesetzt: Es gibt klassischen Unterricht im Klassenverband oder Kurssystem und es gibt Dalton-Zeiten in denen der Schüler seine Unterrichtseinheiten gestaltet. Die 1., 3. und 5. Stunde hat eine Länge von jeweils einer Zeitstunde (60min.) und findet im Klassenverband statt. Die 2., 4. und teilweise noch späterer Unterricht sind sogenannte Dalton-Zeit. In der Praxis durchläuft der Schüler also jeden Tag gemeinsame Zeit mit der Klasse aber auch Zeit, die er sich frei einteilen kann. Allerdings ist diese Zeit nicht so frei einzuteilen, wie es im ersten Moment klingt. Jeder Schüler erhält für jedes Fach einen sogenannten Dalton-Lernplan. Dieser ist in der Regel etwa 6 Wochen gültig und gibt wochenweise vor, was in welchem Fach zu erarbeiten ist.

Natürlich ist dieser Plan auf den parallel stattfindenden Unterricht jedes Fachlehrers abgestimmt. Der Schüler kann nun also selber bestimmen bei welchem Lehrer er seine Dalton-Zeit verbringen möchte und zu welchem Zeitpunkt sowie im besten Fall, mit welchen Mitschülern (Lerngruppen). Lediglich der Plan muss am Ende der Woche für jedes Fach erfüllt sein. Wenn also z. B. montags im Unterricht Mathe und Englisch auf dem
Plan steht, dann könnte es für das Gewicht der Schultasche förderlich sein, im Daltonunterricht ebenfalls Mathe und Englisch einzuplanen. Ob oder ob nicht, bestimmt selbstverständlich der Schüler.

Wichtiger erscheint der Luxus, den Fachlehrer frei wählen zu können, insbesondere, wenn der zugeteilte Lehrer – sagen wir mal – kompliziert erklärt, besteht die Möglichkeit in der Dalton-Zeit einen anderen Fachlehrer des gleichen Unterrichtsfaches zu wählen und sich unverstandene Zusammenhänge nochmals erklären zu lassen. Ebenso ist in vielen Dalton-Räumen auch Raum, sich mit Mitschülern auszutauschen und Aufgaben gemeinsam zu lösen.

Am Gymnasium Vegesack wird der Dalton-Prozess von einer Dalton-Steuergruppe, bestehend u. a. aus Lehrern und Eltern, begleitet. Eigenheiten der Dalton-Pädagogik, die unangenehm auffallen, können so regelmäßig diskutiert und bei Bedarf angepasst werden. Ebenso gibt es regelmäßige Dalton-Sprechtage, zu denen jeder kommen kann und seine Anliegen mit der Steuergruppe diskutieren kann. Diese Möglichkeit ist
rückwirkend betrachtet sehr fruchtbar, da u. a. folgende Dinge nachträglich eingeführt wurden:

• 5. Klassen starten „soft“ in die Dalton-Pädagogik. Das heißt die neuen Klassen an der Schule starten zunächst ausschließlich im Klassenverband um überhaupt eine Klassengemeinschaft zu bilden und um das Gebäude kennenzulernen. Nach einiger Zeit nehmen sie dann zwar an einigen Dalton-Stunden teil, jedoch nur bei ihren eigenen Lehrern. Dadurch wird der Übergang von 4 nach 5 deutlich entschärft.
• Es wurden Bereiche eingeführt in denen Dalton-Lehrer eines Faches gebündelt Räume anbieten. Z. B. ein Mathe-Bereich oder auch Bereiche für Fremdsprachen. So wird im Englisch-Bereich auch ausschließlich englisch gesprochen. Das erleichtert die Raumsuche erheblich und bei den Sprachen ermöglicht das mehr Praxis im Sprechen.

Aber auch ohne Verbesserungen gibt es einige Besonderheiten:
• Stille Räume. Hier sind Gruppenarbeiten nicht möglich und ein leises Arbeiten ist vorgegeben. Konzentriertes Arbeiten steht hier vor der Möglichkeit den Lehrer zu Hilfe zu rufen.
• Oberstufen-Räume. Hier gilt Vorrang für Oberstufenschüler. Damit soll vermieden werden, dass 5-Klässler nicht zwischen Schülern rumwuseln, die kurz vorm Abi stehen.
• Gebundener Dalton-Unterricht. Jeder Lehrer kann seinen Kurs oder seine Klasse einbestellen, wenn z. B. im Sprachen-Unterricht gesprochen werden muss und die regulären Unterrichtszeiten dafür nicht ausreichen oder wenn ein Klassen-/Fachlehrer mit der Klasse Dinge zu besprechen hat, die ebenfalls nicht in den regulären Unterricht passen.

Die Dalton-Pädagogik in Vegesack hat sicher nicht nur Vorteile, aber wenn man ehrlich ist, überwiegen die Vorteile deutlich. Schüler werden sehr gut auf ein mögliches Studium vorbereitet. Eigenverantwortung wird gut trainiert. Schnelle Schüler können in Dalton-Stunden auch an Projekten teilnehmen (z. B. Jugend-Forscht). Außerdem kann man sich für fast 50% der Lernzeit Mitschüler und Lehrer frei aussuchen.

Ein weiterer (ungeplanter) Nebeneffekt ist, dass viele aufgeschlossene Pädagogen gerne auch Wege in Kauf nehmen um an diesem Projekt teilzunehmen. Es gibt also vielleicht eher Bewerber auf offene Stellen als an anderen Schulen. Bei der Einführung von Dalton in Vegesack wurde eine dreijährige Probezeit vereinbart. Wenn sich bis zu den Sommerferien also die Mehrheit der Schulkonferenz gegen Dalton ausspricht, wird die Zukunft wieder aus Bremen-Nord entschwinden.

Davon wollen wir aber mal nicht ausgehen und hoffen auf noch viele, erfolgreiche Dalton-Jahre in denen das „Vegesacker-System“ sicher noch weiter entwickelt werden wird.

Achim Boot

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