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Schuldigitalisierung – heiße Luft statt Lernrevolution (Gast)

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Seit Februar 2019 stehen nun nach einer Grundgesetzänderung 5 Milliarden Euro für den Ausbau der Schuldigitalisierung bereit – für Bremen bedeutet das: knapp 50 Millionen Euro in den kommenden 5 Jahren. Angeblich können nun endlich mit dem „Zukunftsthema Nummer Eins“ die bereits in den Schubladen liegenden „Medienentwicklungspläne“ (Senatorin für Bildung) herausgeholt und zügig umgesetzt werden und unsere „brennenden“ Bildungsprobleme dank modernem Digitalausbau gelöst werden. Die nationale Bildungsrevolution steht an! Ein Traum (CDU-Bremen-Wahlmotto: „I have a stream“)…wenn es so einfach wäre!

Zunächst: Mich würde mal interessieren, wer die Medienentwicklungspläne mit welcher kritischen Kompetenz entwickelt hat und was da dann drin steht – macht jede Schule, was sie möchte, oder gibt es offizielle Bremer Leitlinien dazu? Darf eine Grundschule genau wie eine Berufsschule beispielsweise eine „Tablet-Klasse“ eröffnen? Oder sind das dann nur Einkaufslisten und die inhaltlich relevanten Konzepte (beispielsweise zu Themen wie kritische Mediennutzung, Fake-News, Gefahren im Internet, Mediensucht, Datenschutz, Persönlichkeitsrechte etc.) kommen später? Sind die Kollegien der Schulen, Fachleute, Schulsozialarbeiter und Eltern einbezogen worden? In Bremen ist das wieder einmal…unwahrscheinlich!

Unabhängig davon sehe ich aber die hochtrabenden und mit Milliarden Euro finanzierten
Erwartungen an die Schuldigitalisierung grundsätzlich als äußerst problematisch an:
Der Digitalpakt weckt sehr wahrscheinlich völlig falsche Hoffnungen und fördert ein ideologisches Wunschdenken. Unsere schulpolitischen (Bremer-) Bildungsprobleme werden wir damit leider nicht lösen – im Gegenteil – wenn wir Bildungsforschern wie Manfred Spitzer und diversen bereits vorhanden Studien glauben wollen, steht jetzt schon fest: an den meisten Schulen in Bremen würde der Digitalisierungsausbau demnach die Bildungschancen vor allem an Grund- und Oberschulen, insbesondere in schwierigen Stadtteilen, sogar mindern! Das Lernen würde an den meisten Standorten eher um etwa 20 % abnehmen, anstatt sich zu verbessern!

Anfang Januar 2019 wurde unter anderem auch in der Süddeutschen Zeitung (06.01.2019) von den Studienergebnissen zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht der renommierten
Bildungsforscher John Hattie und Klaus Zierer berichtet. Fazit: digitale Medien können den Kern erfolgreichen Unterrichts nicht verändern, denn dieser bestehe in der Beziehung zwischen Schülerschaft und Lehrern und der Reflexion in Gesprächen über das Gelernte. Den Glauben, die digitale Technik werde das Lernen revolutionieren, weisen sie zurück.

Der Pisa-Leiter Andreas Schleicher hat durch jahrelange Beobachtungen festgestellt, dass die
Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler mit steigenden Ausgaben an Schulen für die
Digitalisierung in den Ländern sanken. Manfred Spitzer, ein medienkritischer Hirnforscher und
Psychiater, geht davon aus, dass Australien deswegen aus der Schuldigitalisierung ausgestiegen ist.

In Frankreich sind Smartphones an Schulen für Schülerinnen und Schüler bis zum Alter von 15 Jahren bereits verboten. In vielen ostasiatischen und skandinavischen Ländern gibt es zumindest einschränkende Rahmenrichtlinien zum Gebrauch von digitalen Medien in Schulen.
Nur Deutschland muss ja jetzt – wider den Erkenntnissen – unbedingt digital aufholen. Die Rettung scheint nahe, gar eine bildungspolitische Revolution wird erwartet. Warum kompliziert
internationale und nationale Bildungserkenntnisse für Bremen auswerten und gezielt nutzen, wenn es doch auch so schön einfach geht! Es machen ja jetzt alle Bundesländer! Kritische
Rahmenrichtlinien – wozu?

Aber gerade Kinder lernen allein aus hirnphysiologischen Gründen eben mit digitalen Medien nicht besser als z.B. von einem guten Lehrer. Sie lernen auch anders als Erwachsene, da ihr Gehirn sich im Aufbau befindet. Sie benötigen praktisch erlerntes Vorwissen, welches sie sich erst – möglichst mit allen Sinnen, durch lebensnahe Erfahrungen aneignen müssen. Ohne so vorher aufgebautes, echtes (Welt-) Wissen in Elternhaus, Kita, Grundschule und weiterführenden Schulen gibt es eben auch keine gute automatische Medienkompetenz. Später können die Kinder nur dann gut (mit Vorwissen) googeln, wenn sie grundlegend wissen, wie und wonach sie konkret googeln müssen, so Hirnforscher Spitzer.

Die Digitalisierung an Schulen könnte aber in Bremen in einer anderen Richtung durchaus Vorteile bringen: wie im Pisa-Sieger-Land Singapur zu sehen ist, profitieren vor allem die erwachsenen Lehrenden im digitalen Austausch untereinander davon. Ein öffentlich zugänglicher, digitaler Austausch über Lernressourcen, Weiterbildungsmöglichkeiten und kreative didaktische Ideen für den Unterricht finden auch in Deutschland großen Zuspruch.

Aber ohne einen differenzierten-kritischen Blick und die Konzentration auf Modelle, die unsere
Schulen wirklich erfolgreich machen, verlieren wir wieder unnötig viel Geld und Zeit.

Patrick A. Heldt

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