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Innenansichten: Erzieherin reflektiert den Bremer Kita-Alltag (Gast)

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Hallo,

ich bin Erzieherin bei KiTa Bremen und gebeten worden, meine Sicht der Situation darzustellen. Zum Teil spreche ich auch für Kolleginnen und Kollegen.

Ein Punkt meiner Kritik ist die höhere Eingruppierung von 60% der Erzieherinnen bei KiTa Bremen. Diese Gruppe arbeitet in sogenannten Indexhäusern, in denen die Arbeitsbelastung eine andere ist als zum Beispiel in den Stadtteilen Schwachhausen, Horn und Findorff. Da in den Indexhäusern u.a. sprachliche Herausforderungen durch mehr Personal sowie höhere Sachleistungen ausgeglichen werden (was völlig in Ordnung ist!), nehmen wir nicht hin, jetzt durch eine ungleiche Bezahlung gespalten zu werden. Wir sind der Meinung, dass die Belastung in jedem Haus immens ist. Probleme lassen sich nicht grundsätzlich am Gehalt der Eltern oder einer Nationalität festmachen. Abgesehen davon gibt es auch in gut situierten Stadtteilen Familien, deren Sprache wir nicht verstehen, Familien mit niedrigem Einkommen. Und es gibt durchaus Gutverdienende, die in dem einen oder anderen Bereich des Lebens wenig Kompetenz zeigen. Und das bekommen die Kinder und somit wir zu spüren.
Ein Bericht aus dem Weserkurier von letzter Woche besagt, dass die Hilfen zur Erziehung in allen Stadtteilen gleichermaßen gefordert sind.

Mit dem höheren Gehalt für Erzieherinnen in Indexhäusern soll eine anspruchsvollere Arbeit honoriert und Personal anderer Träger Bremens und Niedersachsens abgeworben werden. Natürlich wird es auch bei KiTa Bremen Kolleginnen und Kollegen geben, die sich gut überlegen, ob sie mit bis zu 450,- Euro brutto mehr nicht besser bedient sind. Das bedeutet für die Stadtteile, die nicht zum Index gehören, dass es personell immer enger wird.

Uns allen wurde die höhere Eingruppierung für das nächste Jahr versprochen. Nicht einmal die Gewerkschaft, die diese Entscheidung der Spaltung mitgetragen hat, glaubt noch daran. Das durften wir letzte Woche bei einem Gespräch in der KiTa-Bremen-Zentrale erfahren.
Und es wäre auch merkwürdig, wenn es so weit käme, oder? Die Höhergruppierung soll doch eine Entlohnung für schwerere Arbeit sein. Wird die im nächsten Jahr einfacher?

Wir können uns durch Weiterbildung schon vor einer allgemeinen Höhergruppierung auf die 8b-Bezahlung heraufarbeiten. Dieses Thema ist jetzt zu komplex und ein besonderes Ärgernis. Aber die Betroffenen wissen, dass wir relativ wenig Chancen haben, je dort anzukommen.

Ständig geht es darum, frühkindliche Bildung zu gewährleisten. Aus diesem Grund war vor nicht allzu langer Zeit geplant, die Ausbildung zu einem Studiengang auszubauen. Was ist davon übrig? Wer, der diesen Beruf erlernen will, wird heute noch abgelehnt?

Die Kinder sollen gut vorbereitet sein – auf die Schule, auf das Leben. Mit diesem Personalschlüssel, zwanzig Kindern in kleinen Räumen, einer sehr langen Betreuungszeit sehe ich das Erreichen dieses Ziels nicht. Und um einmal an Wesentliches zu erinnern: Das Allerwichtigste ist eine emotionale Stabilität! Sonst nützt der intellektuelle Input nämlich gar nichts!

Wir sollen und wollen die Kinder partizipatorisch erziehen. Sie sollen wählen dürfen. Zu zwanzig auf den paar Quadratmetern mit enormer Lärmbelastung und oft nur einer Erzieherin. Und das länger als die meisten Erwachsenen an ihrem Arbeitsplatz sind. Glauben Sie, die Kinder würden das alles freiwillig wählen, wenn sie wirklich eine Wahl hätten? Im letzten Jahr hat mich ein Kind gefragt, wohin ich ginge, als ich auf dem Weg in die Pause war. Das sei ungerecht, sagte das Kind. Es sei auch müde und ihm sei es zu voll und zu laut. Es wolle auch eine Pause, aber die gäbe es nie.

Wir brauchen Platz! Wir brauchen kleinere Gruppen! Wir brauchen Erzieherinnen! Das alles kostet Geld und vor allem guten Willen!

Der Zuschuss des Bundes ist eh bald verbraucht, unter Anderem durch die Beitragsfreiheit für Kita-Plätze. Hatte Frau Giffey noch angeregt, Familien mit geringem Einkommen zu entlasten, ruft unsere Stadt schon: Wir sind die Ersten! Wir schießen gleich einmal über das Ziel hinaus!
Da es in Bremen bereits eine Entlastung gibt, werden die Kitas jetzt eben komplett beitragsfrei sein und fast die Hälte des Geldes vom Gute-Kita-Gesetz verschlingen. War das wirklich so gedacht?

Die Unart, alles Neue aufzugreifen, ohne es wirklich zu prüfen, vor- und nachzudenken, geht mir ziemlich auf die Nerven, ist aber Programm in der Bildungspolitik. Um nur drei Beispiele zu nennen: Garantie auf einen Krippenplatz, Inklusion, Öffnung der Gruppen, ohne vernünftige Fortbildung des pädagogischen Personals.

Ich weiß, dass die Garantie auf einen Krippenplatz keine Ländersache ist. Trotzdem verstehe ich nicht, dass sich alle Bundesländer mit dieser Entscheidung herumschlagen. Warum?
Angeblich ist es so gut wie unmöglich, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Also wird weiter verkauft, was gar nicht da ist. Welche Firma kann sich leisten, was sich der Staat hier leistet?

Wir können die Garantie auf Plätze, Bildung und emotionalen Wachstum nicht guten Gewissens gewährleisten! Was haben schlecht funktionierende Kitas mit Familienfreundlichkeit oder gar emanzipatorischer Errungenschaft zu tun, wenn ständig Notdienste ausgerufen werden oder es von vornherein keinen Platz gibt?

Krippen können dann eröffnet werden, wenn genug Personal ausgebildet ist und davon sind wir weit entfernt!

Vielen Dank,

Sylvia Meywerk

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