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Ich gebe den Druck weiter…. (Gast)

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Ich grüße Sie heute im Namen von Herrn B.. Herr B. hat MS (Multiple Sklerose). Er ist schon einige Jahre erkrankt und vieles fällt ihm zunehmend schwerer. Seit er sich immer häufiger verschluckt und zunehmend leise und undeutlich spricht, komme ich jeden Mittwoch Nachmittag zu ihm. Ich bin Logopädin und Herr B. ist mein Patient. Gemeinsam versuchen wir, den schweren Verlauf seiner Krankheit einzudämmen. Wir üben deutliches Sprechen und machen gemeinsam seltsame Zungenübungen, damit er wieder besser schlucken kann und deutlicher zu verstehen ist. Gemeinsam mit seiner Ehefrau überlegen wir, wie und was er essen kann, damit er sich nicht dauernd verschluckt und minutenlang husten muss. Er macht Atemübungen, damit er sich bloß keine Lungenentzündung einfängt und vieles mehr. Er bekommt „Hausaufgaben“ von mir, die er sehr sorgfältig erledigt, damit diese verflixte Krankheit ihm noch ein Stück Lebensqualität übrig lässt.

Die Logopädie ist ihm wahnsinnig wichtig. Bisher hat Herr B. noch kein einziges Mal abgesagt. Dafür musste ich schon häufiger absagen. Und das geschah nicht, weil ich krank war oder im Urlaub. Das geschieht immer öfter, weil ich mich auf die Kita, die mein Kind betreut, nicht verlassen kann. Ich bin nicht nur Logopädin, sondern auch Mutter. Herr B. hat das Pech, einen Nachmittagstermin zu haben. Jedes Mal, wenn die Kita Notdienst hat, hat Herr B. keine Therapie. Ich muss die Therapie dann absagen und meine Tochter früher abholen, weil mal wieder die Betreuungskräfte nicht ausreichen. Wir haben keine Oma, keinen Opa hier in der Stadt. Was soll ich sonst machen? Ich gebe den Druck weiter…

Wie soll das eigentlich weitergehen? Welche Bemühungen seitens Kita Bremen und seitens der Behörde gibt es, diesen Zustand zu ändern? Was sage ich Herrn B.? Er fragte mich neulich, wie oft das denn vorkommt mit den Notdiensten…. Manchmal denke ich, es wäre doch besser, ganz zu Hause zu sein. Frau kann eben doch nicht wirklich gut Mutter und Fachfrau sein. Es fällt zu viel aus!

Mich plagt ein schlechtes Gewissen. Gegenüber Herrn B., der ein Recht auf eine regelmäßige Therapie hat. Gegenüber meiner zweijährigen Tochter, die ich behelfsmäßig irgendwo unterbringe oder sie mit ihr wildfremden Poolkräften allein lasse. Gegenüber meiner Arbeitgeberin, die bis jetzt verständnisvoll ist.
Haben die verantwortlichen Menschen auch ein schlechtes Gewissen? Können die sich vorstellen, unter welchem Druck Eltern hier in Bremen stehen? Ist denen klar, dass wir berufstätigen Eltern den Druck weitergeben müssen?

Wir geben den Druck an Kollegen weiter, die an solchen Tagen für uns einspringen, an Familienmitglieder und Geschwisterkinder, an Freunde und Menschen, für die wir eigentlich verantwortlich sind. Das würde mich wirklich mal interessieren.

Franziska Depping

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