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Das vergessene Gymnasium (Gast)

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Es ist 10 Jahre her, dass ich selbst auf ein Bremer Gymnasium ging und dort mein Abitur machte. Damals war mir nicht bewusst, dass Bremen als Bildungsschlusslicht gilt und in anderen Bundesländern eher belächelt wird, auch was das Abitur in Bremen angeht.

Jetzt bin ich Lehrerin an einem Gymnasium in Bremen, Berufseinsteigerin, gerade fertig mit dem Referendariat. Der berühmte Praxisschock, den viele Berufseinsteiger beschreiben, traf mich zu Beginn des Referendariats und ist dann zu einem ausgewachsenen Unmut über die Bildungspolitik in Bremen geworden.

Die Gymnasien sind in Bremen politisch nicht erwünscht, ein Dorn im Auge aller, die denken, jeder Schüler, jede Schülerin sei gleich und müsse nur entsprechend gefördert werden, um sein/ihr Potential auszuschöpfen. Schülerinnen und Schüler (SuS) sind nicht gleich, sind in ihrer Auffassungsgabe, in ihrer Sorgfalt, in ihrer Disziplin äußerst unterschiedlich. Disziplin ist ja in Bremen schon fast ein Schimpfwort. Es braucht allerdings eine Menge Disziplin, um in einer Klasse mit über 30 SuS zurechtzukommen. Individuelle Förderung ist in diesem Kontext unmöglich. Ich habe in meinem Referendariat keine Klasse unter 32 SuS unterrichtet und die Kinder, die besondere Zuwendung benötigen, bekommen, wenn sie Glück haben 1/32 meiner Zeit. Mit Glück, nur weil es viele Kinder gibt, die aufgrund ihres Sozialverhaltens die Aufmerksamkeit binden. Mittlerweile ist die Heterogenität am Gymnasium angekommen und die Verhaltensauffälligkeiten häufen sich.

Natürlich gibt es keine Sonder- oder Sozialpädagogen an Gymnasien, die die Lehrer unterstützen könnten, woher auch? Gymnasien werden finanziell absolut vergessen.
Es gibt noch nicht einmal frei zugängliches Plakatpapier für die SuS. Das muss entweder der Lehrer selbst bezahlen oder die SuS auffordern, dieses zu besorgen. Die Materialien, die Bücher mit denen wir arbeiten, sind zum Teil Jahrzehnte alt. Neue Materialien müssen sich vom Mund abgespart werden von den Fachbereichen.

Durch die wachsenden Schülerzahlen und G8 kommen wir aus der Raumnot kaum noch heraus. Dadurch verschieben sich die Unterrichtszeiten bis in den frühen Abend hinein. Wir haben regulären Unterricht bis 18.15 für die Oberstufe und bis 16.00 für alle Klassen. Wenn man sich mal vorstellt, dass eine 6te Klasse mit 30 SuS von 14.00-16.00 Mathematikunterricht haben soll, wird einem ganz anders. Es bleibt aber oftmals nichts anderes übrig. Dass die SuS auf diese Weise auf einige Hobbies verzichten müssen, weil sie in der Schule sind oder Schulaufgaben machen müssen, ist in diesem Zusammenhang unvermeidbar. Hobbies und Sport in der Freizeit sind einfach wichtig für die Persönlichkeitsbildung.

Ich finde es schade, dass in der Bremer Politik die Ideologieversessenheit dazu geführt hat, dass Lehrer mit den sich verändernden Bedingungen und den Problemen alleingelassen werden. Das Gymnasium ist zur Zeit auf einem verlorenen Posten und die Lehrer überlastet. Zur Zeit unterrichte ich 200 SuS, die alle einen Anspruch auf meine Zeit haben. Diese ist vor allem durch bürokratische Arbeit und Korrekturen sehr begrenzt. Eine einzige Abiturklausur zu korrigieren dauert im Schnitt 4-5 Stunden. Hat man einen Kurs mit 28 SuS bedeutet das eine zusätzliche zeitliche Belastung von 112 Stunden. Da fallen wochenlang Wochenenden der Korrektur zum Opfer, die man zur Erholung benötigen würde. Man hat ja noch 172 andere SuS.

Ein weiterer Punkt sind Klassenfahrten, wo ich absolut entsetzt war, wie das in Bremen gehandhabt wird. Lehrer in Bremen müssen Klassenfahrten selbst bezahlen. Auch Freiplätze dürfen eigentlich nicht angenommen werden, da diese ja auf die SuS umgelegt werden müssten. Jeder, der an seine eigenen Klassenfahrten zurückdenkt, wird sagen: „Das war eine schöne Zeit“. Für Lehrer ist es eine Arbeitswoche mit 120 Stunden Verantwortung, Programm und Ersatzmama sein. Nach so einer Woche fällt man einfach nur ins Bett und es ist definitiv kein Urlaub. Jeder Arbeitnehmer, der eine 120-Stunden-Woche hinter sich gebracht hat, würde empört sein, dafür auch noch bezahlen zu müssen. Es sollte wenigstens den Lehrer nichts kosten. Übrigens wird dann oftmals verlangt, dass man noch Vertretungsmaterial erstellt, welches die anderen SuS in der Klassenfahrtswoche in der Schule erledigen sollen. Also zusätzlich zu der Planung und Durchführung der Klassenfahrt, soll man den Unterricht zu Hause vorbereiten, den dann ein anderer Lehrer durchführt. Es darf ja bloß kein Unterricht ausfallen. Als wenn das in Zeiten des Lehrermangels eine Aussage über die Qualität der Schule machen könnte.

Viele dieser Probleme betreffen nicht nur das Gymnasium allein, sondern alle Schulformen. Aber insbesondere das Gymnasium wird in der Bremer Schullandschaft als elitär beschimpft, obwohl es ebenso stark versucht, das Potential der SuS zu fördern. Und es gibt unfassbar talentierte Kinder an meiner Schule, die über all die Unwegsamkeiten ihren Weg machen. Die Lehrer an meiner Schule leisten exzellente Arbeit und geben ihr Bestes, um diese Talente zu fördern. Denn diese Talente braucht unsere Gesellschaft auch. Diversität beinhaltet auch den Leistungsbereich und muss ebenfalls gewürdigt werden.

Wer immernoch sagt, dass sich Lehrer einen netten Tag von 8.00-13.00 machen, ein bisschen was erzählen und dann die Ferien genießen, hat den Schuss nicht gehört und ist im letzten Jahrhundert stehen geblieben. Ich hoffe, dass der Lehrberuf wieder mehr Anerkennung in der Gesellschaft findet und auch die Gymnasien eine Würdigung finden.

Liebe Grüße,
eine junge Lehrerin in der Hoffnung auf ein Umdenken in der Bildungspolitik

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2 KOMMENTARE

  1. Liebe junge Lehrerin,

    meine Hochachtung für diesen Beitrag. Die Liste der Probleme ist lang. Das vorhandene Budget ist klein.
    Es ist ein Skandal, dass Lehrer für die Klassenfahrt selbstzahlen müssen.

  2. Liebe Junge Lehrerin,

    meine Hochachtung für Ihren Beitrag. Es ist bezeichnend für das Klima dieses Stadtstaates, dass ihr Beitrag anonym erfolgt. Um Bremen von seiner Position in der deutschen Bildungslandschaft nach vorne zu bringen bedarf es gemeinsamen Umdenkens aller Beteiligten.

    Wir müssen den Mut haben Misstände offen anzusprechen.

    HG Döbereiner
    Professor für Physik an der Universität Bremen

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